Montag, 29. Dezember 2008

Walter Leibssle erzählt von seiner Schulzeit

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Betzinger Hoffmannschule im Jahr 2006 erstellte ich eine Festschrift, in der auch Zeitzeugen zu Wort kommen sollten. Einer der ältesten Zeitzeugen die ich ausfindig machen konnte, war der damals 97-jährige Walter Leibssle aus der Mössingerstraße.



Bei einem "Viertele" konnte der 1909 in Betzingen geborene und 1915 eingeschulte Walter Leibssle viel Interessantes erzählen:

Ich bin im Jahre 1909 geboren und werde bald 97 Jahre alt. Im Kriegsjahr 1915 wurde ich im Frühjahr eingeschult, von meinen Schulkameraden lebt heute keiner mehr. Ich ging sieben Jahre lang in Betzingen zur Schule. Die Schulzeit dauerte damals sieben Jahre. Bilder von meiner Schulzeit habe ich leider keine, es ist damals in der Kriegszeit kaum fotografiert worden und die Leute hätten auch kein Geld für solche Fotos gehabt. Meine ersten beiden Schuljahre verbrachte ich in der Schule bei der Kirche. Zu meiner Schulzeit war es so üblich, dass immer zwei Jahrgänge zu einer Klasse zusammengelegt worden sind. Deswegen waren auch sehr viele Kinder in der Klasse, wir waren so etwa 60 Schüler. Das ist damals ganz normal gewesen. Mein erster Lehrer, den ich zwei Jahre lang hatte, war der Lehrer Häussler. Bei ihm hatten wir alle Fächer: Rechnen, Lesen, Schreiben, Heimatkunde und so weiter. Geschrieben werden musste auf eine Schiefertafel mit einem Griffel in deutscher Schrift. Rauf – ab – rauf – Dipfele drauf hat er immer gesagt, wenn wir das deutsche i schreiben mussten. Wir haben während der ganzen sieben Schuljahre nur die deutsche Schrift, die Sütterlinschrift geschrieben.

Wir mussten immer wieder viele Reihen mit Buchstaben schreiben. Wenn man es nicht schön machte, musste man zur Strafe noch mehr Reihen schreiben. Es wurde auf das Schönschreiben sehr viel Wert gelegt. Die Schule begann jeden Tag um 7.00 Uhr morgens und hörte um 12.00 Uhr auf. Es war auch jeden Nachmittag Unterricht, nur der Mittwochmittag war als einziger Mittag frei. Schule hatten wir auch jeden Samstag von 7.00 Uhr bis 12.00 Uhr.

In der dritten und in der vierten Klasse war ich in der Eisenbahnschule bei Lehrer Hauser. Es ist damals in der Schule so gewesen, dass man „gesetzt“ worden ist. Die guten Schüler kamen in die ersten Bänke, die schlechten saßen ganz hinten in der letzten Bank. Dies ist oft ein Makel fürs ganze Leben geblieben, wenn man „Letzt“ saß oder „Zweitletzt“, daran haben sich Schulkameraden auch noch Jahrzehnte später erinnert und manchmal ihre Witze darüber gemacht. Es ist natürlich auch vorgekommen, dass man von Zeit zu Zeit umgesetzt worden ist und z.B. ein bisschen weiter vorne sitzen durfte, wenn man sich verbessert hatte. Darauf war man dann stolz und hat das dann auch zu Hause erzählt. Manche sind aber auch im neuen Schuljahr eine oder zwei Bänke weiter nach hinten gesetzt worden, das hat man zu Hause dann eher verschwiegen. Alle unsere Schulsachen kauften wir in Betzingen beim Gauger: Die Tafel, die Griffel, die Hefte, den Buckelranzen und auch die Schulbücher, die man brauchte. Alle Schulsachen sind damals arg teuer gewesen, denn es war eine schlechte Zeit und die Eltern hatten kaum Geld.

Meine restlichen Schuljahre verbrachte ich in dem neu erbauten Schulhaus in der Hoffmannstraße. Hier hatte ich die Lehrer Rupp, Aichele, Franz, Kuhnle und Levi, also jedes Jahr einen anderen und manchmal haben auch zwei Lehrer verschiedene Fächer in der Klasse unterrichtet. Die ganz genaue Reihenfolge, welche Lehrer ich in welchem Schuljahr hatte, weiß ich heute nicht mehr so ganz genau. Der Lehrer Franz war auch Dirigent beim Liederkranz und das Singen war ihm deswegen besonders wichtig. Das allerwichtigste Schulfach ist aber immer das Rechnen gewesen, eigentlich war das bei allen Lehrern so, die ich hatte. Der Lehrer Levi ist ein bei den Betzinger Schülern sehr beliebter Lehrer gewesen. Er war viel ruhiger als die anderen und viel freundlicher, auch hat er die Kinder nicht oder nur sehr selten geschlagen, was bei anderen Lehrern dagegen sehr häufig vorgekommen ist, dass man Tatzen bekam.

Levi war Jude und hat auch während des Unterrichts immer ein schwarzes Käppchen aus Leder getragen, welches seinen Hinterkopf bedeckte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich den Lehrer Levi einmal ohne sein Käppchen gesehen habe. Bei dem Käppchen handelte es sich um die Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung der Juden. Daran konnte man erkennen, dass er Jude war und natürlich auch an seinem Namen Levi. Diesen Nachnamen hat er in der Folgezeit mal ändern lassen. Levi nannte sich später Leitner, allerdings lange bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Seine Namensänderung muss so um 1923 herum gewesen sein. Vielleicht hat er damals schon geahnt, was auf die Juden zukommen wird und deswegen seinen Namen ändern lassen, um nicht als Jude erkannt zu werden. Er hat mit seiner Familie im Schulhaus an der Kirche gewohnt.

Während meiner Schulzeit in der neuen Hoffmannschule hieß der Rektor Guido Neth. Er war sehr gefürchtet bei den Schülern und konnte schreien, dass die Wände wackelten und er teilte auch ständig Hiebe aus, meist mit einem Stock. Rektor Neth, der in der Leyrenbachstraße wohnte, ist aber auch ein guter Sänger gewesen, Stimmlage Tenor. Wenn er mit seiner Klasse ein Lied sang, konnte man das in allen anderen Klassenzimmern im Schulhaus gut hören. Das war ihm wohl wichtig, dass man ihn und seine Klasse singen hörte. Wenn beim Egelhaaf – in der Fabrik neben dem Schulhaus – um 12.00 Uhr die Arbeiter herauskamen, ließ der Rektor Neth die Fenster öffnen und dann musste seine Klasse kurz vor Schulschluss noch einmal ein Lied singen. Dadurch bekamen die Egelhaaf Arbeiter den Gesang noch einmal mit und der Rektor Neth wollte das wahrscheinlich auch so. Ohne am Unterrichtsschluss bei geöffneten Fenstern ein lautes Lied zu singen, kamen die Schüler vom Rektor Neth nicht aus der Schule heraus.

Ich selbst hatte den Rektor Neth nicht als Lehrer, der spätere Reutlinger Oberbürgermeister Oskar Kalbfell, er ist ja ein waschechter Betzinger, ist aber zu ihm in die Klasse gegangen. Neth’s Tochter allerdings – vielleicht war sie in der Lehrerausbildung, auf jeden Fall ein junges Ding – hat ab und zu ausgeholfen in der Schule, hat dort auch Unterricht gehalten und ist auch ein paar mal in unsere Klasse gekommen für ein paar Stunden. Wenn man sie geärgert hat oder wenn ihr etwas nicht passte, hat sie immer gesagt: „Ich sags meinem Vater!“ und da hatte natürlich jeder großen Respekt davor, denn der Rektor Neth war sehr gefürchtet an der Schule. Und natürlich hat sie es auch immer ihrem Vater gesagt, wenn ihr irgend jemand aufgefallen war oder wenn jemand etwas angestellt hatte und dann musste man zu ihm und wurde bestraft.

Titelblatt der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Hoffmannschule. Restexemplare dieser Schrift können entweder über mich oder über das Sekretariat der Schule bezogen werden.

Kommentare:

  1. Lieber Werner,
    ich bin immer wieder begeistert von Ihrem Blog. Einen guten Rutsch in unser zweites Blog-Jahr wünscht Ihnen
    der Altenburger Raimund Vollmer

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  2. Das habe ich nicht gewußt, dass in der damaligen Zeit so viel Schulstunden wöchentlich "abgearbeitet" werden mußten. Das war für die Schulkinder bestimmt oft eine große Belastung.

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